Gesellschaftlicher Auftrag

Aspekte der Zuwanderung

Die Integration der ausländischen Einwanderer ist eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart. So hat sich auch parteiübergreifend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland Zuwanderung braucht.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Integration nicht einfach Assimilation, Anpassung an bestehende Lebensgewohnheiten und tradierte kulturelle Standards der deutschen Bevölkerung bedeuten kann. Denn diese kulturellen Standards haben auch innerhalb der deutschen Gesellschaft ihre Verbindlichkeit verloren: die sich zunehmend herausbildende Pluralität der Lebensstile fordert gesamtgesellschaftlich neue Verständigungsfähigkeiten und Toleranzbereitschaft.

Zudem hat die dritte Generation der Einwanderer ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, das auf einer lebendigen Auseinandersetzung mit der - oft religiös geprägten - Identität ihrer Herkunftsfamilie beruht. Als realistische Zukunftsperspektive zeichnet sich somit nicht die Möglichkeit der Restaurierung einer kulturell homogenen Gesellschaft ab, viel mehr wird es darum gehen, ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher kultureller und religiöser Strömungen mit ihren differenzierten Lebensformen zu entwickeln.

Die Kinder der Einwanderer haben die Chance, hier beispielgebend zu wirken, leben sie doch in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen und bringen daher Erfahrungen mit, die (bei entsprechender Förderung) Fähigkeiten für neue gesellschaftliche Perspektiven werden könnten.

Die Situation an deutschen Schulen jedoch zeigt, dass sich diese positive Entwicklung nicht automatisch vollzieht. Die Problemlagen an Schulen mit bis zu 80 % Ausländeranteil haben vielerorts Bestrebungen ins Leben gerufen, sich den veränderten Bedingungen zu stellen. Tragfähige Konzepte werden gebraucht.

Bildung

Neue Herausforderungen an die Schule

Es stellt sich die Frage, wie ein Kampf der Kulturen vermieden und die Basis für eine Kooperation gelegt werden kann. Welche Gemeinsamkeiten sind unverzichtbar, welche Differenzen sind bereichernd?

Die Suche nach einem Grundkonsens setzt für alle Mitglieder der Gesellschaft Fähigkeiten voraus: das Verstehen der deutschen Sprache, das Einleben in einen (geistes-) geschichtlichen Entwicklungsstrom, der zur Formulierung der Menschenrechte geführt hat, das Kennenlernen der deutschen Verfassung und der Bürgerrechte und -pflichten, aber auch die lebendige Auseinandersetzung mit verschiedenen Weltreligionen und -kulturen.

Auf diesem Hintergrund zeichnet sich für das Schulsystem eine neue Herausforderung ab: Wir werden im 21. Jahrhundert vor der Aufgabe stehen, Wege zu einer interkulturellen Erziehung zu entwickeln.

Betrachtet man die Realität an den Schulen, zeichnen sich folgende Problemschwerpunkte ab:

  1. Das ungenügende Beherrschen der deutschen Sprache zieht eine Reihe von Folgeschwierigkeiten nach sich, die - unter anderem - durch zu eng gesteckte Rahmenpläne oft nicht aufgefangen werden können. (Eine Ausnahme bilden verschiedene Projekte und Modelle, die, meist in zeitlich begrenztem Rahmen, an einigen Schulen in Ballungszentren durchgeführt werden.) Die Betonung des kognitiven Lernens schließt Kinder mit Sprachschwierigkeiten vom Unterrichtsgeschehen aus, erhebliche Disziplinschwierigkeiten sind die direkte Folge.
  2. Die sich häufig anschließenden&xnbsp; schlechten Zensuren und das „Sitzenbleiben“ führen zu Motivationsverlust und weiterem Schulversagen, an dessen Ende oft der Abbruch der Schullaufbahn steht. (Immer noch verlassen ca. 20 - 25% der ausländischen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss).
  3. Fördermaßnahmen bestärken häufig den Defizit-Blickwinkel: die Fremd- und Selbstwahrnehmung beruht auf einer Perspektive des Mangels. Somit erfahren deutsche Kinder die fremdländischen Kulturhintergründe als wenig attraktive „Mangelkulturen“.
  4. Die in Schulen öfter anzutreffende Atmosphäre der Funktionalität (architektonisch, gestalterisch, strukturell) verstärkt bei den Einwandererkindern Gefühle der Fremdheit und Ungeborgenheit.
  5. Die Einbindung der Eltern ins schulische Umfeld&xnbsp; trifft auf Schwierigkeiten, was bei den Kindern den Eindruck, zwischen zwei unvereinbaren Kulturen zu stehen, verstärkt.

Gemeinsames Lernen

Wie lernen Kinder unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und Religion miteinander zu leben? Wie können sie gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden? Wie können Eltern eine ganzheitliche und zukunftsorientierte Pädagogik mitgestalten?

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung – die Welt wächst immer stärker zusammen. Damit steht die Pädagogik vor einer neuen Herausforderung: Es gilt, Grundlagen für eine interkulturelle Begegnungsfähigkeit zu schaffen, indem gegenseitiges Verstehen und wechselseitige Toleranz gefördert werden. Konkret realisieren lässt sich ein solches Anliegen in der gemeinsamen Erziehung von Kindern, die verschiedenste religiöse und kulturelle Hintergründe mitbringen. Denn damit bietet sich die Chance, in einer Schulgemeinschaft einen großen Reichtum von Lebensformen, Traditionen und Festen kennen- und respektieren zu lernen. Allerdings vollzieht sich eine solche Entwicklung nicht automatisch – sie muss durch das Schulkonzept und die Unterrichtsmethode gezielt veranlagt werden.

Eine Schule, die sich den Bedingungen einer interkulturellen Erziehung stellen will, muss eine Nahtstelle zwischen den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Kinder darstellen; sie muss Lebens- und sozialer Begegnungsraum sein, in dem das Verbindende, das „allgemein Menschliche“ im Vordergrund steht.

Auf dem Hintergrund solcher Überlegungen wurde im September 2003 im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt, am Neuen Messplatz in der Maybachstraße 10-16, eine Waldorfschule mit interkulturellem und sozial-integrativem Ansatz als Ganztagsschule gegründet.